Das Hotel Stefaner in Tiers am Rosengarten, Dolomiten

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Die Latemar-Puppen

In den westlichen Dolomiten zwischen Südtirol und dem Trentino, dem Rosengarten gegenüber und in der Nähe des Naturpark-Hotels Stefaner in Tiers, liegt das Latemar-Gebirge mit einem sehr feinen Grate zu den Weinhügeln hinab. Dieser zerrissene Grat wird von den Fleimstalern „la processión de le pope“, das heißt die Puppenprozession, genannt.

 

Damit aber hat es folgende Bewandtnis: In einem stillen Lärchenwald unweit des Karer Passes saßen einmal mehrere Hirtenkinder. Da kam ein alter Mann und erzählte ihnen, er habe genau an jenem Platz sein Messer verloren. Die Kinder versicherten, dass sie nichts gefunden hätten und begannen sofort zu suchen, konnten das Messer aber nicht finden. In der Zwischenzeit war die Sonne untergegangen, und unten in Valòndja läutete man den Abendsegen.

 

Die Kinder mussten nun das Vieh zusammentreiben, und der alte Mann entfernte sich in Richtung Latemar. Auf dem Heimweg aber sahen die Kinder im Gras einen Gegenstand glänzen. Das älteste Kind, die zwölfjährige Ménega, erkannte, dass es sich um ein schönes Messer mit vergoldetem Griff handelte. Sie befahl den anderen Kindern, mit dem Vieh weiterzugehen, und lief zurück, um den Alten noch einzuholen. Sie lief so schnell sie konnte und am Hange des Latemarberges erreichte sie ihn. Der Mann war sehr erfreut darüber, dass er sein Messer wiederhatte und versprach der ehrlichen Finderin etwas zu schenken; sie solle nur sagen, was sie gerne hätte. Ménega war zunächst sehr verlegen, sagte schließlich aber doch, sie wünsche sich eine schöne Puppe. Da sagte der Alte, sie solle am darauffolgenden Tag mit den anderen Kindern wiederkommen. „Ich werde euch morgen eine ganze Schar Puppen vorführen und ihr könnt euch die schönsten aussuchen. Jetzt ist keine Zeit mehr dazu, du musst sofort nach Hause gehen, denn es dämmert bereits, und die bösen Stríës del Masarè (die Geröllhexen) kommen zu dieser Stunde.“

Das Mädchen erschrak, verabschiedete sich und eilte in Richtung Tal. Auf dem Nachhauseweg traf sie eine fremde Frau. Ménega fürchtete sich zunächst, doch die Frau erwiderte ganz freundlich den schüchternen Gruß des Mädchens und die beiden kamen ins Gespräch. „O du Glückskind“, sagte die Fremde, „der Alte ist ein sehr reicher Venezianer, der in der Berggegend des Latemar wohnt; wunderbare Schätze nennt er sein eigen; auch Puppen hat er und zwar von zweierlei Sorten: die einen tragen weiße, gelbe und rote Seidenkleider, die anderen aber brokatene Gewänder, Perlengeschmeide und goldene Kronen; wenn er euch also morgen nur die Puppen in den Seidengewändern vorführen sollte, dann musst du dich damit nicht zufrieden geben, sondern sagen:

Pope de preda
con strazze de seda
ste lì a vardàr el Làtemar!”

(Puppen von Stein
mit seidenen Fetzen,
bleibt dort und schaut euch
den Làtemar an!)

Sagst du diese Worte, so wird dir der geizige Alte auch die kostbareren Puppen holen.“

Am darauffolgenden Tag begab sich Ménega mit den anderen Hirtenkindern voller Erwartung hinauf in Richtung Làtemar. Als sie den Platz erreicht hatten, an dem Ménega sich am Abend von dem Alten verabschiedet hatte, hörten sie hoch oben ein seltsames Geräusch. Sie blickten auf und sahen, wie in den Wänden ein schweres Tor aufging. Aus diesem Tor kam ein endloser Zug von Puppen hervor, die sich auf einem langen Bergausläufer nebeneinander hinstellten. Alle Puppen trugen Seidenkleider von roter, weißer und gelber Farbe. Starr vor Verwunderung betrachteten die Kinder dieses seltsame Schauspiel. Nur Ménega war nicht sonderlich begeistert und sagte nach einer Weile den Spruch auf, den sie von der fremden Frau gelernt hatte. Da ging ein übermächtiges Pfeifen und Sausen durch den Berg, während aus den weiter unten gelegenen Wäldern ein lautes Hohngelächter heraufschallte. Die Puppen aber wurden steif und starr und verwandelten sich in Stein. Entsetzt flohen die Kinder bergab und hielten erst an, als sie zu Hause angekommen waren.

Heute noch kann man die farbenprächtigen Seidenkleider der versteinerten Puppen in der Sonne glänzen sehen.